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Kombilöhne: sinnvoll oder nicht?

2010/03/27

Hartz IV und die Agenda 2010 haben in den letzten Monaten viel an Zustimmung verloren. Auch die urprünglichen Architekten in der SPD sind von vielen Punkten abgerückt. Die Höhe der Leistungen steht dabei, sicher auch zu Recht, im Zentrum der Kritik. Doch wie sieht es mit anderen Aspekten der Hartz-Gesetze aus? Wie sind sie, v.a. aus arbeitsmarktpolitischer Sicht, zu bewerten? Gehören auch sie auf den Prüfstand? Hier soll als ein Punkt zunächst einmal das Konzept der staatlichen Kombilöhne betrachtet werden.

Konzept und Praxis von Kombilöhnen

Kombilöhne beschreiben eine staatliche Subvention von Niedriglöhnen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: entweder werden die Niedriglöhne direkt für den Arbeitnehmer durch staatliche Transfers aufgestockt, oder der Arbeitgeber erhält Lohnkostenzuschüsse oder Abschläge bei Sozialversicherungsbeiträgen als Subventionen vom Staat zur  Einstellung/ Beschäftigung, z.B. auch von bestimmten Arbeitnehmerzielgruppen (etwa Geringqualifizierten und Langzeitarbeitslosen).

In Deutschland gibt es die Zuschüsse zweiten Typs nur zu Beginn neuer Beschäftigungsverhältnisse. Der erste stellt sich so dar, dass es Hinzuverdienstmöglichkeiten bei Bezug des ALG II gibt. Die Zahl dieser „Aufstocker“ liegt in Deutschland bei über einer Million, die meisten davon arbeiten als geringfügig Beschäftigte in Mini-Jobs oder Teilzeitarbeit. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Arbeitslose verpflichtet werden, für eine befristete Zeit Arbeitsgelegenheiten, die „im öffentlichen Interesse liegen“ zur „Sicherung ihrer Beschäftigungsfähigkeit“  bei einem äußerst geringen Zuverdienst wahrnehmen zu müssen („1-Euro-Jobs“).

Argumente pro Kombilöhne

Laut der neoklassischen Wirtschaftstheorie ist Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland deshalb entstanden, da die Löhne im Niedriglohnbereich über der Grenzproduktivität dieser Arbeiten lag. Die Gewerkschaften hätten zu hohe Löhne für Geringqualifizierte durchgesetzt, (wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass diese über einem reinen Marktlohn lägen), deshalb seien in diesem Bereich Beschäftigungshemmnisse enstanden. Durch eine stärkere „Spreizung der Löhne nach unten“ könne mehr Beschäftigung gefördert werden. Zu gewährleisten, dass man „von seiner Arbeit leben könne“, sei nicht Aufgabe der Wirtschaft, sondern eine staatliche Aufgabe. Deshalb müsse dieser die Löhne von Geringqualifizierten wenn nötig bis zum Existenzminimum aufstocken.

Durch die Beschäftigung von 1-Euro-Jobbern kann außerdem ein Nutzen durch Arbeiten für die Gesellschaft entstehen, für den keine Nachfrage in der Privatwartschaft gegeben ist. Jede Art von Arbeit für Arbeitslose steigere außerdem deren Beschäftigungsfähigkeit und ihre sozialen Fähigkeiten. Gerne werden auch Parolen wie „keine Leistung ohne Gegenleistung“ verwandt, doch stellen diese eher Populismus als echte Argumente dar (diese wurden vorher aufgezählt).

Argumente gegen Kombilöhne

Ein Risiko wäre, dass es für ALG II-Empfänger rational erscheinen könnte, aufzustocken, statt einer regulären Beschäftigung nachzugehen.  Die Hinzuverdienstmöglichkeiten sind in der Tat äußerst schlecht. Bis 100 Euro kann man zwar dazuverdienen, ohne dass dies angerechnet wird. Für Bruttoeinkommen von 100 bis 800 Euro jedoch beträgt der Grenzsteuersatz jedoch 80%, für 800 bis 1200 Euro sogar 90%. Der Grenzsteuersatz ist hier also viel höher als der Spitzensteuersatz von 42%. Geringfügige Beschäftigungen bis 100 Euro/ Monat lohnen sich also eher, aber die Anreize, eine Beschäftigung anzunehmen, sind dann monetär gesehen eher gering, da nur ein kleiner Teil des Hinzuverdienstes behalten werden darf (außer wieder, wenn sie so gut entlohnt ist, dass man kein ALG II mehr beziehen muss). Eine Intergration in reguläre Beschäftigung ist in der Realität nicht gegeben: laut einer aktuellen Studie des IAB gehen nur 0-3% mehr der Arbeitslosen, die in 1-Euro-Jobs gearbeitet haben als die, die es nicht haben, 28 Monate nach Beginn der Maßnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Zudem seien die Maßnahmen nicht zielgruppengenau (siehe dazu auch: Telepolis: Diffamierung von Erwerbslosen, freiwillige Arbeitsangebote oder Workfare).

Groß ist auch das Risiko, dass Unternehmen die Löhne im Bereich geringfügiger Beschäftigung stark senken. Das Einkommen der Beschäftigten muss dann immer mehr durch den Staat gesichert werden, die Unternehmen enziehen sich ihrer „gesellschaftlichen Verantwortung“. Betriebe, die durch Lohnsenkungen ihre Gewinne steigern wollen, finanzieren dies auf Kosten der Staatskasse, und in diesen Lohndruck werden auch andere Unternehmen und höhere Lohnbereiche mit hineingezogen.

Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland seit den Agenda-Reformen extrem gewachsen und inzwischen nach den USA der gößte aller Industrieländer. Jedoch legen Untersuchungen nahe, dass dies auf Kosten der regulären Arbeit geschah und der Rückgang der Arbeitslosigkeit seit der Agenda stärker auf konjunkturelle Faktoren zurückzuführen war. Durch die Vergößerung des Niedriglohnsektors sinkt die Binnenachfrage, was (insbesondere zu Zeiten, in denen der Export stark einbricht) zu weniger Produktion und zu weniger Arbeitsplätzen führt. Die sozialen Folgen sind außerdem äußerst negativ – es wurde von der Politik gezielt ein prekärer Gesellschaftsbereich geschaffen.

Fazit

Maßnahmen der Agenda 2010, auch die Kombilöhne, haben zu einem Anstieg des Niedriglohnsektors geführt, ohne viele neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben. Sie haben damit ihr vorgegebenes Ziel verfehlt. Stattdessen stieg lediglich die Gewinnquote (auf Kosten der Lohnqute). Die Lohnspirale nach unten wird durch Kombilöhne gefördert. Natürlich gibt es auch gute Gründe für die Annahme, dass tatsächlich diese breiten Lohnsenkungen im Interesse der Agenda-Maßnahmen standen (auch wenn sich manche davon wirklich die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen versprochen hatten).

Im Grunde kann die Möglichkeit, bei Empfang von Arbeitslosenleistungen hinzuverdienen zu können, sinnvoll sein, aber nicht in der derzeitigen Ausgestaltung. Dazu müssen auf jeden Fall die Hinzuverdienstmöglichkeiten verbessert werden. Dies dient auch dem sicherlich zu unterstützenden Ziel, dass „sich Arbeit lohnen muss“. Dafür, und zur Vermeidung einer Ausplünderung des Staates durch Unternehmen, die reguläre Beschäftigung durch Niedriglöhner ersetzen, ist eine weitere Senkung der Hartz-IV-Sätze kein geeignetes Mittel. Vielmehr wäre für diese Ziele die Einführung eines Mindestlohns sinnvoll.

[Dieser Beitrag ist auch beim Oeffinger Freidenker und beim Auto-Anthropophag erschienen.]

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4 Kommentare

  1. Welche Ziele sollte der Staat setzen.

    Sind die Arbeitsplätze in der Zustellung von Öfen, schützenswert.
    Oder ist es Aufgabe des Staates die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft so zu setzen, dass möglichst viele schlechte Arbeitsplätze verschwinden?

    http://www.innovations-report.de/html/berichte/maschinenbau/modernster_roboter_neuer_spritzduesentechnologie_151570.html

    Man sollte nicht so tun, als hätten wir keinen verschärften technischen Fortschritt mehr nötig.

    Issing ist ein dogmatischer Fachidiot, der nie in seinem Leben schwer Arbeiten musste.

    Jeder Fliessbandarbeitsplatz weniger ist besseres Leben.


  2. […] of the Blind-Blogs und schreibt dort regelmäßig Zeitkritisches. Der vorliegende Artikel ist im Original bei ihm […]


  3. Eigentlich bin ich auch der Ansicht, dass es eine wunderbare Sache ist, wenn immer mehr schwere oder gefährliche Arbeit wegfällt. Aber das bedeutet nicht zuletzt, dass für die Leute, die dort arbeiteten, zunächst kein Bedarf mehr vorhanden wäre. Außerdem gibt es durchaus Menschen, die sehr zufrieden mit ihrem Leben als Fließbandarbeiter sind, weil sie daraus scheinbar einen gewissen Stolz ziehen. Was macht man also mit den Fließbandarbeitern, die erstmal übrig sein würden?


  4. Natürlich ist es eine tolle Sache, wenn durch technischen Fortschritt und Automation die notwendige Arbeitszeit gesenkt werden kann. Nur dann sollte auch die gesamte Gesellschaft davon profitieren.
    Allerdings liegt dies nicht im Interesse des Kapitals. Es braucht ja den Profit, braucht die Mehrarbeit über die notwendige Arbeitszeit hinaus zum Überleben, und es ist deshalb seit jeher darum bemüht, trotz der technischen Möglichkeiten Arbeit vollständig aufrechtzuerhalten (und ich denke, dass daüber hinaus auch eine Ideologie, die harte Arbeit und Anstrengung sogar preist, dazu beiträgt. Man muss ja die Leistungsgesellschaft bewahren.)

    Der Bedarf an niedrigqualifizierten Arbeiten ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten ja drastisch gesunken (neben der Technik auch wegen zunehmender Arbeitsteilung und Spezialisierung im Rahmen der Globalisierung). Aber statt für bessere Qualifikationen zu sorgen und das Bildungssystem umzubauen (was wichtige Elemente eines auf sozialen Unterschieden basierenden Systems unterminieren könnte), will man die soziale Spaltung bewahren und ausweiten, sorgt für sinkende Löhne und für mehr Niedriglöhner. Dass Deutschlands Strategie dabei nicht mal so, wie sich ihre Konstrukteure es sich vorgestellt hatten, funktioniert hat, nimmt man gerade in Europa immer mehr wahr.



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