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Die Finanzkrise und die VWL: ist die Ökonomie doch noch lernfähig?

2010/01/14

Immer mehr Volkswirtschaftler kommen offenbar endlich zu der Erkenntnis, dass die Theorien und Modelle des bisherigen neoklassischen Mainstreams wenig mit der Realität zu tun haben. Auf der Jahrestagung der American Economic Association (AEA), der weltweit wichtigsten von Ökonomen, wurde deutlich wie nie eine grundsätzliche Neuorientierung der VWL gefordert: Fundamentalkritik: Wie die Finanzkrise die VWL auf den Kopf stellt (Handelsblatt) (via).

Die Finanzkrise etwa konnte mit den gängigen Theorien der Mainstream-Ökonomen nicht vorausgesagt und auch nicht erklärt werden. So wurde selbst für viele überzeugte Anhänger dieser Richtung innerhalb kurzer Zeit klar, wie eingeengt ihr Blick bisher war. Die Bedeutung der Kreditvergabe durch Banken für die Realwirtschaft wurde viel zu wenig untersucht. Die Theorien der rationalen Entscheidungen, der Homo oeconomicus und die effiziente Informationsverarbeitung durch die Finanzmärkte sind Modelle, die während der Finanzkrise, aber auch sonst nicht zutrafen. „Viele beschäftigen sich nicht mit der Welt, in der wir leben, sondern mit der Welt, in der sie gerne leben würden“, so der Harvard-Professor Benjamin Friedman. Die Irrationalität von vielen Entscheidungen oder die Instabilität und Krisenanfälligkeit völlig freier Märkte aber können nun kaum mehr bestritten werden.

Zudem konnten die neoliberalen Talkshow-Ökonomen die Krise nicht nur nicht erklären, sondern haben mit ihren ständigen Deregulierungsforderungen auch maßgeblich zu dieser beigetragen, wie Joseph Stiglitz ausführt. Und noch ein sehr schönes Zitat von ihm: „Vielleicht ist die unsichtbare Hand auf vielen Märkten deshalb unsichtbar, weil sie gar nicht da ist.“

Ein gutes Zeichen jedenfalls, wenn bei vielen Ökonomen – wenn auch erst jetzt – endlich einmal etwas Umdenken einkehrt. Wenn die Neoklassik dann konsequent ihre Modelle und Theorien mit der Wirklichkeit abgleichen würde, müsste den meisten klar werden, als wie wenig aussagekräftig, ja wie schädlich diese Richtung der Ökonomie sich erwiesen hat – und dann könnte ihre in den letzten 30 Jahren erfolgte Ausbreitung vielleicht endlich mal umgekehrt werden – den Wirtschaftswissenschaften, der Wirtschaft und der Gesellschaft wäre damit viel geholfen. Und sinnvollere ökonomische Ansätze mit einem realistischen Menschenbild und der Einsicht, dass unbegrenzt freie Märkte nicht unbegrenzte Freiheit bedeuten,oder mit den Einsichten, dass ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung schädlich sindund  dass der Staat durchaus wohlfahrtsfördernd in die Wirtschaft eingreifen kann und auch sollte, gibt es genug.

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6 Kommentare

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Markus Weber and Ulrich Bunnick, Eric B.. Eric B. said: RT @H0MERSIMPS0N: Neuer Blogpost: Die Finanzkrise und die VWL: ist die Ökonomie doch noch lernfähig? http://bit.ly/66Xh98 […]


  2. Die schöne mathematische Welt der Neoklassik war doch gar nicht dazu vorgesehen, eine Realitätsbeschreibung zu liefern. Vielmehr hat sie sich an Popper orientierend, der der Wissenschaft den Freibrief zum völligen Empirie- bzw. Induktionsverzicht ausstellte, eine Art Dogma geschaffen, das dahingehend immunisiert wurde, dass die Idealbedingungen nicht gegeben seien und man deswegen der Theorie nichts anhaben kann. Vielmehr müsse die Realität stärker der Theorie angepasst werden, wenn dies geschehe, dann, käme das „Ende der Geschichte“, das Land, in dem Milch und Honig flössen etc..

    Der erreichte Abstraktionsgrad tut sein Übriges, ist er doch für Nicht-Mathematiker kaum verständlich, jedenfalls nicht mit der Mathematikausbildung, die Volkswirten gemeinhin zuteil wird. Derart eingeschüchtert von der Theorie, sehen die meisten Volkswirte nur noch die In-Sich-Logik der Modellwelt und glauben, weil die zugrundegelegte Mathematik schwierig ist, dass die Modellwelt eine adäquate Beschreibung der ökonomischen Realität sei.

    Denkt man an die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, die Psychologen Kahnemann und Tversky, die in ihren prämierten Arbeiten herausfanden, dass z. B. bei einem Flugzeugunglück 20% Tote für Menschen schrecklicher klingt als 80% Überlebende, obwohl es rein mathematisch-logisch betrachtet dieselbe Aussage ist, sieht man bereits da eine deutliche Abweichung vom Standardmodell. Dazu wird man in gängigen Lehrbuchtexten aber bestenfalls eine Randnotiz finden, aber prüfungsrelevant wird sowas meist nicht.

    Die Begründung dafür, ist dann so ähnlich wie die, warum man in der Schule noch Newtonsche Physik lehrt, mit dem Unterschied, dass man mit der Neoklassik keinerlei Vorhersagen treffen kann. In bestimmten Bereichen der Ökonomik hat also bereits ein Umdenken stattgefunden, doch wird dies bislang kaum an die Studenten weitergegeben.


  3. Du hast mit vielen Punkten Recht.

    Aber, naja, viele der Grundlagen und Theorien der Neoklassik stammen ja aus der Zeit, bevor Popper aktiv wurde …

    Ja, viele Modelle der Neoklassik sind für einen „Idealzustand“ konstruiert, der so in der Realität nicht gegeben ist. Wenn man Realität und Theorie nicht mehr unbedingt trennen kann, wird dies glaube ich zum Problem:
    „Die Ansätze der Mainstream-Ökonomie können ideologisch gewendet werden. Möchte man nicht den Begriff der „Ideologie“ verwenden, könnte man sagen, in ihnen herrscht eine wenig oder gar nicht reflektierte oder gar eine negierte Diskrepanz zwischen Vorstellung und Erfahrungswelt. Stimmen Theorie und Modelle nicht mit der Wirklichkeit überein, stört dies die überzeugten Verteter der orthodoxen Wirtschaftslehre nur in den seltensten Fällen. So wird etwa ein freier Wettbewerbsmarkt von ihnen als ein idealer Zustand angesehen, gleichzeitig aber propagieren sie die unveränderte Anwendung von Modellen, die für diesen (für sie) Idealzustand geschaffen wurden, für die Realität, in der dieser so, in reiner Form kaum existent ist (und dies oft auch nicht sein kann). Sie erleben die Diskrepanz zwischen Wunsch(vortellung) und Wirklichkeit nicht, da sie in einer, in ihrer Utopie leben, z.B. in der Utopie des freien Marktes, in einer konstruierten Wirklichkeit, die ihnen als Orientierungspunkt für Denken und Handeln dient. (…)
    Von Ideen kommt Gefahr, zum Guten oder zum Bösen. Wenn dise Ideen Ideologien darstellen, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, wenn sie eine Ideologie produzieren, die dalle Menschen als ausschließlich egoistisches Wesen sehen will, in der Gerechtigkeit, Solidarität, Mitmenschlichkeit bloße Hindernisse für das Durchsetzen des Einzelnen darstellen, dann fällt es schwer zu erklären, was diese zum Guten verändern sollten.“
    https://guardianoftheblind.wordpress.com/2010/01/05/der-freie-markt-als-ideologie/


  4. Ok, vielleicht hätte ich sagen sollen, dass ihnen die popperschen Erkenntnistheorie gerade recht kam, weil man mit seinem Falsifikationismus gerade die Möglichkeit erhält, seine Theorie unwiderlegbar zu machen. Wichtig war mir vor allem, dass die Ausbildung von Ökonomen immer noch vom methodologischen Individualismus geprägt wird, der mathematisch formuliert Ehrfurcht gebietend von den meisten vollkommen unhinterfragt übernommen wird.


  5. Ja, ok, das stimmt wohl.

    Mit dem methodologischen Individualismus sehe ich das genauso (hatte dazu auch mal was geschrieben unter https://guardianoftheblind.wordpress.com/2010/01/05/der-freie-markt-als-ideologie/ und unter https://guardianoftheblind.wordpress.com/2009/11/15/neues-ueber-den-homo-oeconomicus/). Das ist eine Vorstellung vom Menschen, die einfach nicht stimmt, das zeigen auch genug Experimente. Eine Vorstellung, die sich die Neoklassiker zurecht gelegt haben,um ihre Theorien zu untermauern, und, was ich noch erschreckender finde, die quasi ihre Wunschvorstellung ist.


  6. […] […]



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