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Es gibt Tage, da schreibe ich nur noch, damit die Nachwelt sieht, dass nicht alle so waren.

2009/11/17

Mit der heute eilig eingeschobenen Pressemeldung über Lafontaines lange geplante Operation an diesem Donnerstag erhält der Schmierenjournalismus von SPIEGEL, Bunte, FAZ und taz einen besonders abstoßenden Beigeschmack. Ist es etwa verdächtig, dass ein Krebskranker sich beruflich ein wenig zurücknimmt? Dass er nicht auf jeder Sitzung anwesend war? Dass er sich erst nach der Operation Gedanken über die berufliche Zukunft machen will? Manchmal steckt im Privaten zwar in der Tat etwas Politisches – nur selten hingegen steckt im seichten Sumpf des Schmierenjournalismus etwas Wahres und fast nie etwas Politisches. (Der Spiegelfechter)

Und wie zu befürchen war nutzt die Schmierenjournaille selbst eine Krebserkrankung für eine besonders widerliche Variante ihrer Anti-Linken-Kampagne:

Die Süddeutsche macht Lafontaine seine Erkrankung fast zum Vorwurf.

Die Frankfurter Rundschau ist sich nicht zu schade, selbst bei einer Krebserkrankung die Gerüchte über eine angebliche Affäre Lafontaines noch einmal ausführlich zu schildern und sogar als glaubwürdig zu bezeichnen.

Aber, wie war es anders zu erwarten, die ekelhafteste Berichterstattung kommt natürlich von der Bild. Am Anfang des Artikels noch vordergründig neutral, offenbart sie wieder ihr wahres von Hass verzerrtes Gesicht, um alle bekannten Klischees gegen ihren Lieblingsfeind Lafontaine auszupacken. Wie er in der SPD  „die Macht an sich riss“, „putschte“, „wegwarf“, wie „kompromisslos, machthungrig, schlagfertig und populistisch“ er sei, dass er seit dem „wegwerfen“ „nur noch ein Ziel“ gehabt habe: „die Zerstörung der SPD“, dieser „Napoleon von der Saar“.Man kann sich bildlich vorstellen, wie sie bei Springer und Co. die Korken knallen lassen in ihrer gewohneten morbid-menschenverachtenden Häme.

Mir geht es da manchmal auch wie flatter es so schön ausdrückt:

Es gibt Tage, da schreibe ich nur noch, damit die Nachwelt sieht, daß nicht alle so waren.

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6 Kommentare

  1. Hallo!

    Wenn ich zwei Anmerkungen machen darf – also Daniel Brössler in der SZ beschreibt die ganze Sache noch relativ neutral und gibt den anderen Blättern, die zuvor über Affären gefaselt hatten, ordentlich einen mit.

    Was die BILD betrifft (danke für den Link) – es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik, wenn ausgerechnet die BILD anderen Leuten „Populismus“ und „Machthunger“ vorwirft.

    Aber, vergiß bitte nicht wer Jahrelang der prominenteste BILD-Schreiberling war, Millionen damit kassierte seinerseits populistisch und penetrant auszuteilen:
    Oskar Lafontaine!
    Da sitzen sie wirklich in einem Boot.

    LG
    Tammox


  2. @ Tammox:

    Ja, das mag ja sein. Ich finde Lafontaine ja auch nicht unbedingt den sympathischsten Politiker. Aber diese Art von „wir geben dem Linksextremisten noch mal einen drauf!“ finde ich menschlich in so einer Situation doch äußerst widerlich. Doch ich glaube nicht, dass wir da unterschiedlicher Meinung sind ;-)


  3. Lafontaine ist mit Sicherheit intelligent und begabt.
    Schon vor 20 und 30 Jahren hat er sich einiges getraut. Manchmal war er brillant, manchmal schäbig (Zum Beispiel der Satz, daß man mit Helmut Schmidt Sekundärtugenden auch ein KZ führen könne).

    Ich bin da auch durch einige Aufs und Abs gegangen.
    Als SPD-Mitglied war ich beispielsweise BEGEISTERT, als er 1995 den unseligen Scharping mit einer grandiosen Rede wegputschte. Das war so cool!

    Weniger cool fand ich es, daß er als Bundesfinanzminister die Brocken hingeworfen hat und mit der Stärkung der Linken 2005 aktiv dafür sorgte, daß die SPD aus dem Kanzleramt flog und Angela Merkel einziehen konnte.

    Geradezu abartig fand ich es allerdings, daß er sich ausgerechnet der BILD andiente (Gehalt angeblich 5000 Euro pro Kolumne) und zur Freude der Rechten Rot/Grün via Springer-Verlag sturmreif schoss.
    Damit hat er der CDU/CSU/FDP einen riesigen Gefallen getan.
    Ich denke, daß das immer noch ein Hauptgrund ist, wieso das linke Spektrum so gespalten ist und nicht zusammenfindet (Siehe Hessen, Thüringen, Saarland).
    Zur BILD zu gehen und von dort aus die SPD fertig zu machen ist ein Fall von „Das gehört sich nicht“ für einen Ex-SPD-Parteichef.

    Mit welchen üblen Methoden Kai Diekmanns Mannen kämpfen weiß Lafontaine besser als jeder andere und kann daher jetzt auch keine Schonung erwarten.

    Beste Grüße
    T


  4. Nur mal eine kleine Ergänzung zur Autorin des schmierigen „taz“-Artikels Simone Schmollack. Sie ist Datenschutzbeauftragte der grünennahen Heinrich-Böll Stiftung.
    Der Artikel wurde inzwischen überarbeitet und entschärft. Der gröbste Schlamm wurde entfernt.


  5. Nur eine kurze Anmerkung an Tammox: Lafontaine hat in Mannheim nicht geputscht. Er hat seine Kandidatur eingereicht, eine Rede gehalten und ist gewählt worden. Sicher hat er im Vorfeld ausgelotet, ob er eine Mehrheit bekommen könnte. Eigentlich völlig normal. Bedenklich ist doch eher das gewöhnliche Verfahren, dass der künftige Parteivorsitzende in kleiner Runde ausgeklungelt wird und ein Parteitag dann nur noch abnicken soll.


  6. Ja, ich finde ja auch, dass es unmöglich ist, mit den Hetzblättern des Springer-Konzerns zusammenzuarbeiten. Und wie gesagt, um ganz ehrlich zu sein kann ich mit Lafontaines Art und vielen seiner Aktionen in der Vergangenheit auch nicht viel anfangen. (Zu der Wahl zum SPD-Vorsitzenden: natürlich ist es viel besser, wenn es mal eine wirkliche Wahl mit mehreren Kandidaten gibt und nicht nur hinter verschlossenen Türen ausgeschacherte Entscheidungen abgenickt werden. Aber so etwas sollte ja auch auf jeden Fall fair und transparent ablaufen).

    Aber ich glaube, dass die Medien deshalb so berichten, weil Lafontaine bestimmte politische Positionen vertritt. Vielleicht noch ein klein wenig dazu durch seine Art – aber da gibt es ja auch noch Schlimmere. Aber ich bin mir sicher, dass sie sich, falls Lafontaine kürzer treten muss, ein neues Opfer aussuchen.
    Und ich möchte auch betonen, dass ich solch ein Verhalten der Medien auch anprangern würde, wenn sie einen Unions- oder FDP-Politiker in so einer schweren Lebenssituation so behandeln würden. Aber das wird nicht der Fall sein.



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