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Die Neoklassik und ihre Mythen

2009/11/15

Die Neoklassik ist in Deutschland in den letzten 30 Jahren die dominierende Schule der Volkswirtschaftslehre. Auch wenn weltweit und gerade auch in den USA wieder keynesianische Ansätze deutlich mehr Beachtung erlangen, in Deutschland lässt man sich davon nicht beirren und bleibt weiterhin schön bei der reinen Lehre. Die Stärkung der Binnennachfrage ist vernachlässigbar, staatliche Konjunkturprogramme sind „konjunkturpolitische Strohfeuer“ (auch wenn es bei diesem Punkt in Folge der Witschaftskrise dann doch selbst in Deutschland zu ein klein wenig Umdenken gekommen ist), der Staat soll sich aus allem außer vielleicht noch der inneren und äußeren Sicherheit heraushalten. Dies erzählen die neoklassischen Wirtschaftsprofessoren wie eh und je immer wieder tantramäßig in den Sendungen des Mainstream-Journalismus, ohne auch nur die geringste kritische Nachfrage zu erfahren.

Und es ist auch kein Wunder, dass das diesjährige Jahresgutachten des „Sachverständigenrates“ mal wieder harte soziale Einschnitte, den weiteren Rückzug des Staates, Arbeitsmarktliberalisierungen und Senkungen der Unternehmenssteuern fordert und ganz in der Tradition ausschließlich den Haushalt saniert sehen will, wobei Konjunkturbelebung und Senkung der Arbeitslosigkeit demgegenüber höchstens sekundär sind. Hat man alles schon oft genug gehört. Wenigstens ist er so konsequent, ebenfalls die Steuersenkungspläne von Schwarz-Gelb zu kritisieren – hier herrscht als über alle Wirtschaftsschulen hinweg Einigkeit, dass diese Unsinn sind. Ebenso ist man sich einig, dass die Investitionen in Bildung und Forschung zu niedrig sind. Wäre die Parteipolitik so weit, wenigstens bei diesen Punkten einmal – ja tatsächlich von niemandem bestrittenen – Empfehlungen der Wissenschaft zu folgen, wäre schon einiges getan. Aber Bildungseinrichtungen haben nun mal keine politische Lobby und keine Lobbyorganisationen, die dermaßen unsere Demokratie und unsere Meinungsvielfalt beschützen (tut mir leid, dieser Seitenhieb musste sein),  wie sie andere haben.

Dies alles fände ich noch nicht einmal so schlimm, dass sie sich als dominante wirtschaftspolitische Schule durchgesetzt haben, wenn ihre Ansichten nicht immer als allein gültige, wissenschaftlich objektive und nicht zu widerlegende Tatsachen verkauft würden, von den genannten Medien, aber auch von vielen  dieser Wissenschaftler selbst. Andere Positionen werden von ihnen oft gar nicht zugelassen, alles, was nicht in den derzeitigen Mainstream passt ist für sie entweder „widerlegt“ oder „veraltet“. Man immunisiert sich nicht nur selbst gegen jede Kritik, man lässt diese gar nicht erst zu. Was nicht sein soll, darf auch nicht sein. Tatsächlich ist die Wirtschaftswissenschaft eine der wenigen im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich, in der andere Theorien oft gar nicht erst dargestellt oder auch nur erwähnt werden, die wie gesagt gerade nicht in den Mainstream passen, in denen die eine Richtung ihre Ansichten wie naturwissenschaftlich belegt und gültig verkauft.

Dass ihre Modelle und Theorien dabei oft aber eher mythologisch denn wissenschaftlich sind, zeigt sich aber immer wieder. Weissgarnix z.B. räumt diese Woche mal wieder mit ein paar „Märchen aus dem Gute-Nacht-Geschichtenbuch der Neoklassik“ auf. Er schreibt, dass die „homo oeconomicus“-Phantasie die Grundlage der meisten Modellen der Neoklassik ist. Und denen, die von einem Menschenbild ausgehen, in dem jeder Mensch ausschließlich im wahrsten Sinne des Wortes „asozial“ als Individuum und ausschließlich den eigenen Nutzen maximierend handelt und für den allein der Markt (wobei er natürlich immer über vollständige Informationen verfügt) noch eine Beziehung zu anderen Menschen generiert, denen sollen wir tatsächlich die alleinige Deutungshoheit überlassen? (Ich weiß nicht mehr genau, wo ich das gehört habe, aber es erscheint mir sehr sinnvoll: „Existierte der homo oeconomicus wirklich, er wäre wohl eher ein Fall für die Psychatrie“).

Und Weissgarnix verdeutlicht, wie die Gleichung „I(nvestitionen“=S(paren)“ in der von den Neoklassikern behaupteten Kausalität, dass die Sparquote die Höhe der Investitionen beeinflusse, nicht zutrifft (dass es eine Illusion ist, dass der Konsument mit seiner Spartätigkeit tatsächlich über die Investitionen bestimmen könne) und warum hohe Sparquoten tatsächlich volkswirtschaftlich alles andere als nützlich sind. Ganz lustig dabei ist auch, wie die I=S- Gleichung auch nur mittels eines Kniffs (man könnte es auch als „Trick“ bezeichnen) funktioniert und letztlich nur eine Tautologie darstellt.

Die Theoreme der Neoklassik sind also nicht unbedingt immer zutreffend, und v. a. sind sie nicht die allein seeligmachende Wahrheit, wie einem dies ihrer Vertreter oft genug weismachen wollen.

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3 Kommentare

  1. Dann revanchiere ich mich doh mal ;-)
    Als alter Naturwissenschaftler, der erst später den Wechsel zur Geisteswissenschaft vollzog war ich eigentlich daran gewöhnt, dass man sich mit seinen Modellen Mühe gibt und im Hinterkopf behält, dass ja jedes Modell nur bis zur Entdeckung der Irrtümlichkeiten, die ab einem gewissen Komplexitätsgrad immer enthalten sind, Gültigkeit hat und danach durch ein besseres, der Realität konformeres abgelöst wird. Auf diese Weise lassen sich erstaunliche Fortschritte erzielen, vorausgesetzt man hält sich an eine gewisse erkenntnistheoretische Bescheidenheit. Diese Bescheidenheit scheint vielen Wirtschaftswissenschaftlern eher fremd zu sein und so verteidigt man seine Jahrhunderte alten Irrtümer, die dummerweise den Reichen und Mächtigen sehr gut in den Kram passen.

    Paul Krugman hat das mal so formuliert: “Das dürftige gedankliche Konstrukt, das sich den Titel ,Angebotsökonomie’ zugelegt hat, ist im Grunde nur eine hirnrissige Doktrin. Sie hätte kaum großen Einfluss erlangt, würde sie nicht so erfolgreich an die in den Medien herrschenden Vorurteile und an die sozialen Instinkte der Reichen appellieren.”

    Was frustrierende ist, ist die Tatsache, dass unsere Öffentlichkeit Null Interesse hat, diesen Umstand auch nur ansatzweise zu reflektieren. Lediglich in kleinen Zirkeln oder Blogs schreibt mal einer etwas dazu. So muss sich Galilei gefühlt haben, als er versuchte, den Kirchenoberen klar zu machen, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht und feststellten das es nicht Wahrheit, sondern um Deutungshoheit geht. Es gibt Bereiche, an denen die Aufklärung einfach vorbeigegangen ist und wo sie im autistischen Tunnel sitzen bleiben und auf alle schießen, was an den Wänden ihres Wahngebildes kratzt.

    In einem anderen Post hatte ich mich mal auf einen Mathematikprofessor bezogen, der sehr schön auf den Punkt bringt, was von den Annahmen, auf denen die Neoklassik beruht, zu halten ist:
    „Bei dem neoklassischen Gebilde handelt es sich um ein Sammelsurium mathematischer Modelle, die vorne und hinten nicht zusammen passen und eigentlich nur zeigen, dass die Verwendung von Mathematik allein einen horrenden Mangel an Logik nicht wettmachen kann.

    Die Kennzeichnung der Neoklassik als Wahnsystem wäre nicht korrekt, denn jedes anständige Wahnsystem ist doch zumindest in sich schlüssig und logisch konsistent.“
    http://www.erlkoenig-blog.de/?p=3922

    Für meinen Geschmack ist ein solches Verhalten schlicht Dummheit und dass „Okonomen“ mit ihrer Borniertheit in Talkshows lukrativ hausieren gehen, zeigt leider die ganze Tragik unserer Situation.


  2. […] berufen und ihre Lehre oft als unwiderlegbar, als die eigentlich einzige überhaupt mögliche verstanden haben wollen. Ab er ab und zu gibt es Aussagen, die einigen Aufschluss erlauben. Alan Greenspan, bis Januar 2006 […]


  3. Zwei interessante Kritiken an der Theorieanlage der Neoklassik finden sich unter
    http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Neoklassik-als-Weltreligion.html
    (Prof. Michael Krätke, Neoklassik als Weltreligion)

    und
    http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Die-Nutzlosigkeit-der.html

    (H. Büttner, Die Nutzlosigkeit der neoklassischen Nutzenlehre)



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